--- Page 1 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 1 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach LV Geopolitics and Geostrategy Department 1 49069 Osnabrueck Politische Kriegsführung 17 Sep 2019 Zusammenfassung Die moderne politische Kriegsführung (Political Warfare) ist der Einsatz aller offenen und verdeckten Mittel eines Nationalstaates zur Erreichung seiner Ziele und besteht aus dem gezielten Einsatz einer oder mehrerer Formen von Macht - Diplomatie/Politik, Information/Cyber, Militär/Geheimdienst und Wirtschaft, um die politischen Verhältnisse oder Entscheidungsfindung in einem anderen Staat zu beeinflussen. Dies reicht von psychologischen Maßnahmen bis hin zu kriegsnahen Handlungen. Das Konzept wurde in den USA entwickelt, aber ähnliche Ansätze werden auch von anderen Ländern verwendet. Die Renaissance der politischen Kriegsführung geht mit zunehmenden Schwierigkeiten, einen großen konventionellen Krieg zu führen, und der abnehmenden Wirksamkeit von Soft Power in Zeiten zunehmender globaler Spannungen einher. Das Paper präsentiert die Definition, den historischen Hintergrund, die Methoden und Ziele. Ein besonderes Augenmerk gilt der Theorie und Praxis der Spezialkräfte (Special Operation Forces) sowie dem modernen Support -to-Resistance (STR) -Konzept der Unterstützung des Widerstands. Schließlich werden die Beziehungen der USA zu Russland und China in Fallstudien vorgestellt. --- Page 2 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 2 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Inhalt 1. Grundlagen ........................................................................................................... 3 1.1 Einführung ................................................................................................................ 3 1.2 Theorie ...................................................................................................................... 3 1.2.1 Definitionen und Konzepte ................................................................................ 3 1.2.2 Geschichte .......................................................................................................... 4 2. Methoden und Praxis ........................................................................................... 4 2.1 Maßnahmen............................................................................................................... 4 2.2 Beispiele .................................................................................................................... 6 2.2.1 Überblick............................................................................................................ 6 2.2.2 Ein Praxisbeispiel: Serbien 1999-2000 .............................................................. 7 2.3 Special Operations und Support to Resistance ......................................................... 7 2.3.1 Geschichte .......................................................................................................... 7 2.3.2 Spezialoperationen und Spezialkräfte ................................................................ 8 2.3.3 Support to Resistance (STR) - Analyse ............................................................. 8 2.3.4 Gewaltloser Widerstand ..................................................................................... 9 2.4 Militärische Aspekte ............................................................................................... 10 2.5 Soft Power ............................................................................................................... 11 2.5.1 Konzept und Probleme ..................................................................................... 11 2.5.2 Die NGO-Krise ................................................................................................ 12 3. Politische Kriegsführung: Fallstudien ................................................................ 14 3.1 USA-China .............................................................................................................. 14 3.1.1 Die militärische Lage ....................................................................................... 14 3.1.2 Expansion der Infrastruktur und der Wirtschaft .............................................. 16 3.1.3 Politische Kriegsführung in Ozeanien ............................................................. 16 3.1.4 Handelskrieg oder politische Kriegsführung? ................................................. 17 3.2 USA-Russland......................................................................................................... 18 3.2.1 Die militärische Dimension ............................................................................. 19 3.2.2 Informationskrieg ............................................................................................. 20 4. Abschließende Bemerkungen ............................................................................ 22 5. Literatur .............................................................................................................. 23 5.1 Literaturquellen ....................................................................................................... 23 5.2 Literaturempfehlungen ............................................................................................ 24 --- Page 3 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 3 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach 1. Grundlagen 1.1 Einführung Das Konzept der politischen Kriegsführung (Political Warfare) wurde in den USA entwickelt, aber ähnliche Ansätze werden auch von anderen Ländern verwendet. Die Renaissance der politischen Kriegsführung geht mit zunehmenden Schwierigkeiten, einen großen konventionellen Krieg zu führen, und der abnehmenden Wirksamkeit von Soft Power in Zeiten zunehmender globaler Spannungen einher. Das Paper präsentiert die Def inition, den historischen Hintergrund, die Methoden und Ziele. Ein besonderes Augenmerk gilt der Theorie und Praxis der Spezialkräfte (Special Operation Forces) sowie dem modernen Support-to-Resistance (STR) -Konzept der Unterstützung des Widerstands. Schließlich werden die Beziehungen der USA zu Russland und China in Fallstudien vorgestellt. Lesehinweis: da die Materie vorrangig in der US -amerikanischen Literatur besprochen wird, werden die englischen Originalbegriffe nach Möglichkeit mitaufgeführt und erklärt, um die Literatursuche und das -studium zu erleichtern. 1.2 Theorie 1.2.1 Definitionen und Konzepte Seit der ersten Definition der politischen Kriegsführung von 1948 wurde keine weitere offizielle oder formale Definition der modernen politischen Kriegsführung vereinbart. Die folgende Definition ist daher eine Arbeitsdefinition, die die Aspekte enthält, die normalerweise dargestellt und verwendet werden: Die moderne politische Kriegsführung (Political Warfare) ist der Einsatz aller offenen und verdeckten Mittel eines Nationalstaates zur Erreichung seiner Ziele und besteht aus dem gezielten Einsatz einer oder mehrerer Formen von Macht - Diplomatie/Politik, Information/Cyber, Militär/Geheimdienst und Wirtschaft, um die politischen Verhältnisse oder En tscheidungsfindung in einem anderen Staat zu beeinflussen. Dies reicht von psychologischen Maßnahmen bis hin zu hin zu kriegsnahen Handlungen1. Im Unterschied zur herkömmlichen Politikgestaltung liegt der Fokus auf der Erzwingung, z.B. Sanktionen anstelle von Handel, aktive Unterstützung von Regimewechseln, anstatt andere Staaten zu kritisieren usw., zielgerichtete Nutzung von Informationen und Aktionen als psychologische Kriegsführung und so weiter. Der Unterschied zur konventionellen Politik und zur Soft Power wird im Methodenteil näher dargestellt. 1 Es wird diskutiert, ob der Einsatz von physischer (militärischer oder paramilitärischer) Gewalt von der politischen Kriegsführung als hybrider Krieg getrennt werden sollte (Babbage 2019, S.1). Sowohl aus der Geschichte dieses Konzepts (Kennan 1948) als auch aus der Praxis der STR-Operationen zur Unterstützung des Widerstands (Irwin 2019, S.x), ist dieser Ansatz wohl etwas zu eng gefasst. --- Page 4 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 4 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach 1.2.2 Geschichte 1948 wurde das Konzept in einem Memorandum des Stabes für politische Planung des Außenministeriums unter dem US -Diplomaten George Kennan wie folgt definiert (Originaltext, danach eigene Übersetzung): “Political warfare is the logical application of Clausewitz’s doctrine in time of peace. In broadest definition, political warfare is the employment of all the means at a nation’s command, short of war, to achieve its national objectives. Such operations are both overt and covert. They range from such overt actions as political alliances, economic measures (such as ERP - the Marshall Plan), and ‘white’ propaganda to such covert operations as clandestine support of ‘friendly’ foreign elements, ‘black’ psychological warfare2 and even encouragement of underground resistance in hostile states.”3 "Politische Kriegsführung ist die logische Anwendung von Clausewitz' Doktrin in Friedenszeiten. Im weitesten Sinne ist politi sche Kriegsführung der Einsatz aller Mittel, die ein Land benötigt, um seine nationalen Ziele zu erreichen. Solche Operationen sind sowohl offen als auch verdeckt. Sie reichen von offenkundigen Aktionen wie politischen Allianzen, wirtschaftlichen Maßnahmen (wie ERP - dem Marshall - Plan) und "weißer" Propaganda bis hin zu verdeckten Operationen wie heimlicher Unterstützung "freundlicher" ausländischer Elemente, "schwarzer" psychologischer Kriegsführung und sogar Ermutigung zu Widerstand im Untergrund feindlicher Staaten“ Dieses Konzept wurde weiter ausgearbeitet und bildet die Grundlage für die gegenwärtigen Methoden und Praktiken der politischen Kriegsführung. 2. Methoden und Praxis 2.1 Maßnahmen Die politische Kriegsführung reicht von offenkundigen Aktionen als politische Allianzen, wirtschaftlichen Maßnahmen (Hilfe, Sanktionen, Sabotage) und „weißer“ Propaganda bis hin zu verdeckten Operationen als heimliche Unterstützung „freundlicher“ ausländis cher Elemente (Parteien, Personen, NGOs) und „schwarzer“ psychologischer Kriegsführung (auch bekannt als PSYOPs) und unkonventionelle Kriegsführung ( unconventional warfare UW ) als Unterstützung einer ausländischen Aufstands - oder Widerstandsbewegung gegen ihre Regierung oder einer Besatzungsmacht. In der Praxis werden diese Aspekte in der Regel mittels Spezialkräften ( Special Operation Forces SOF) und als Unterstützung des Widerstands (Support-to-Resistance STR) behandelt4. Freundliche Staaten können durch Nation Assistance unterstützt und verteidigt werden: Zu den Programmen gehören Sicherheitshilfen (security assistance SA), humanitäre zivile Hilfe (humanitarian civic assistance HCA) und Verteidigung im Innern eines anderen 2 “Weiße“ oder offene Propaganda stammt aus einer bekannten Quelle. „Graue“ Propaganda ist die halboffizielle Verstärkung der Position einer Regierung, während „schwarze“ Propaganda aus einer unbekannten Quelle stammt. 3 Kennan 1948 4 Zur offiziellen Terminologie des US-Militärs siehe Searle 2017, vor allem Kapitel 4. Implications of the Theory for Conventional and Special Operations. --- Page 5 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 5 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Staates (foreign internal defen se FID), also insbesondere die Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency COIN). Die moderne politische Kriegsführung weist typische Merkmale auf5:  Sie erweitert herkömmliche Formen politischer Konflikte, anstatt sie zu ersetzen.  Sie liegt außerhalb der traditionellen Kriegsführung, das Ziel ist „ gewinnen ohne zu kämpfen“ 6, kann jedoch parallel zur traditionellen Kriegsführung durchgeführt werden.  •In der Regel handelt es sich um eine Kombination von Aktivitäten, für die nachrichtendienstliche Unterstützung erforderlich ist, um die Genauigkeit sicherzustellen und die Erkennung und Zuordnung durch den Zielstaat zu verhindern.  In offenen Konflikten kann wirtschaftlicher Druck als bevorzugtes Instrument der starken Staaten ausgeübt werden.  In jede r Phase kann Information skrieg zur gezielten Verstärkung oder Verschleierung von Informationen in Kombination mit Cyberaktivitäten eingesetzt werden.  Die Nutzung nichtstaatlicher Akteure und Organisationen als Ziele oder Instrumente ist eingeschlossen.  Religiöse, ethnische und andere gesellschaftliche Spaltungen der Zielstaaten können zur Verbesserung der Wirksamkeit genutzt werden. 5 RAND 2018 und 2019 6 Babbage 2019 --- Page 6 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 6 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach 2.2 Beispiele 2.2.1 Überblick Die folgende Tabelle gibt einen ersten Überblick: Level Beispiele Diplomatie/Politik Unterstützung demokratischer politischer Parteien Anerkennung und öffentliche Unterstützung demokratiefreundlicher Bewegungen und Führer Diplomatische Anerkennung von Demokratieförderern als legitime Regierungen: ein starkes, aber riskantes Instrument, wenn die neu anerkannten Führer keine Macht erlangen können (Syrien) Information/Cyber Propaganda, psychologische Kriegsführung, Verstärkung der Proteste durch soziale Medien und Internet Militär/Geheimdienste Training von Widerstandsbewegungen Staatsstreiche Hilfe für ausländische Verbündete/ Proxies (vorgelagerte Akteure), nachrichtendienstliche Unterstützung Spezialeinheiten, verdeckte Operationen (Black Ops) Wirtschaft Marshall-Plan; Verknüpfung der Wirtschaftshilfe mit Förderung von Good Governance und Demokratie (Entwicklungshilfe), Sanktionen und Blockade (die CoCom-Liste schnitt die Staaten der Sowjetunion und des Warschauer Pakts von High -Tech-Produkten ab, was ihre Fähigkeiten erheblich beeinträchtigte) Quelle: modifiziert und erweitert von Figure 1.1 Defining the Contours of Political Warfare, s iehe RAND 2018, S.7 Der Cybersektor als mögliches Betätigungsfeld der politischen Kriegsführung hat sich im letzten Jahrzehnt stark weiterentwickelt. Der Cyberwar (Cyberkrieg) ist die kriegerische Auseinandersetzung mit den Mitteln der Informationstechnologie. Um einen Computer oder System beschädigen zu können, muss man also erstmal ‚drin‘ sein. Es gibt umfangreiche Spionageaktivitäten und wenig Cyberwar, aber man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass der Cyberwar oft nur einen zusätzlichen Mausklick erfordern würde. So gesehen ist es einerseits verständlich, warum Sicherheitskreise d ie Gefahr eines Cyberwars für hochhalten und entsprechende Maßnahmen fordern, während anderen die Sache aufgebauscht vorkommt, weil man noch keinen großen Cyberwar beobachten konnte. Deshalb bewegen sich manche Cyberspionageaktiv itäten mitunter nahe an einer kriegerischen Handlung, z.B. das Eindringen in Satelliten, in Kernkraftwerke (Wolf Creek- Attacke) oder die Manipulation von Sicherheitssystemen ( Triton-Attacken) wo eine Manipulation zur totalen Zerstörung der Produktionsanlage führen kann, für Det ails siehe Cyberwar-Grundlagen-Methoden-Beispiele im Kapitel 5.2. --- Page 7 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 7 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach 2.2.2 Ein Praxisbeispiel: Serbien 1999-2000 Die Vereinigten Staaten spielten eine aktive Rolle beim Sturz des serbischen Diktators Slobodan Milosevic im Jahr 2000 nach Abschluss der NATO-Operation Allied Force, einer Bombenkampagne gegen Serbien während des Kosovo-Krieges im Jahr 19997. Die Aktivitäten umfaßten:8:  Starke Sanktionen gegen Milosevic  Ring around Serbia: Eine psychologische Operation der NATO, die aus starken Radio-UKW-Sendern in Bosnien bestand, um sich gegen serbische Medien zu stellen und die politische Opposition zu ermutigen, sich für eine demokratische Transformation zusammenzuschließen.  Operation MATRIX: Initiative der US-Regierung zur Beeinflussung der engsten Unterstützer und Berater von Milosevic, die zu Spaltungen innerhalb des inneren Kreises von Milosevic führte. Viele Unterstützer flohen innerhalb eines Monats aus dem Land.  Hilfe für Demokrat ieförderer: Die USA unterstützten serbische demokratische Oppositionsparteien, Nichtregierungsorganisationen (N GOs), Gewerkschaften, Studentengruppen, Bürgergruppen und unabhängige Medien mit fast 12 Millionen Dollar.  Unterstützung von Otpor (Widerstand) ab dem Jahr 2000 mit Geldern und Computern, nachdem sich diese seit ihrer Gründung im Jahr 1998 als die effektivste und widerstandsfähigste Oppositionsgruppe herausgestellt hatte. Ein Otpor- Mitglied wurde nach Washington eingeladen, und im Rahmen der Unters tützung durch andere NGOs veranstaltete der pensionierte US -Oberst Helvey in Budapest einen Wochenendworkshop für Otpor-Führer mit dem Schwerpunkt auf gewaltfreier Disziplin und der Bedeutung der Anwendung der Prinzipien des Krieges auf die gewaltfreie Kampagne. Die gewaltfreie Disziplin von Otpor machte es den Sicherheitskräften unmöglich, übermäßige Gewalt gegen die Opposition anzuwenden.  Schließlich wurde Milosevic von Demonstranten nach verlorenen Wahlen und diplomatischem Druck verschiedener Staaten gestürzt. 2.3 Special Operations und Support to Resistance 2.3.1 Geschichte Die Spezialoperationen (Special Operations ) und die Unterstützung des Widerstands (Support to Resistance STR) wurden ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs vom militärischen Geheimdienst OSS entwickelt, der später von der modernen Intelligence Community abgelöst wurde. Der geheimdienstliche Zweig der Spezialoperationen ist die Central Intelligence Agency (1947), die wie folgt organisiert ist: Das Special Activities Center (SAC) ist eine Abteilung der CIA, die für verdeckte Operationen zuständig ist und seit 2015 als Special Activities Division bekannt ist. Innerhalb des SAC gibt es zwei getrennte Gruppen: die Special 7 Irwin 2019, S.175 8 Irwin 2019, S.175-178 --- Page 8 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 8 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Operations Group (SOG) für taktische parami litärische Operationen und die Political Action Group (PAG) für verdeckte politische Aktionen im Zusammenhang mit politischem Einfluss, psychologischen Operationen und wirtschaftlicher Kriegsführung. Der militärische Zweig ist die US Army Special Forces (1952), andere Behörden haben ebenfalls begrenzte Kapazitäten, wie die Drogenkontrollbehörde DEA. 2.3.2 Spezialoperationen und Spezialkräfte Der Forscher der Joint Special Operations University (JSOU) , Tom Searle, schlug eine allgemeine Theorie der Specia l Operations vor, um häufige Missverständnisse zu überwinden und die Terminologie zu klären 9. Obwohl dies für US-amerikanische Zwecke entwickelt wurde, ist diese auch für das Verständnis von Spezialoperationen im Allgemeinen nützlich und wird im Folgenden zusammengefasst. Die Theorie des kombinierten Waffeneinsatzes ( combined arms theory ) besagt, dass echte militärische Macht eher aus der Synergie verschiedener Arten von Fähigkeiten (Waffen) als aus der Stärke eines einzelnen Waffentyps (z. B. starke Luft waffe, starke Marine usw.) resultiert. In diesem Rahmen sind Spezialoperationen keine Eliteoperationen und keine spezialisierten Operationen, sondern alle Operationen, die sich von den herkömmlichen Operationen unterscheiden, die normalerweise durchgeführt werden, um eine Aufgabe zu erfüllen10. So machen Spezialkräfte (Special Operation Forces SOF) verschiedene, ungewöhnliche Dinge: im Gegensatz zu normalen Seeleuten verlassen z.B. die Navy SEALs U-Boote oder Flugzeuge, verlassen große Schiffe, steuern Mini-U-Boote, schwimmen, um den Feind zu treffen, und kämpfen häufig an Land gegen den Feind11. Spezielle Operationen werden also z.B. unter ungewöhnlichen Umständen wie verdeckten Operationen angewandt und können daher eine direkte Zusammenarbeit mit Mitgl iedern des Nachrichtendienstes, der Polizei oder der Justiz erfordern12. 2.3.3 Support to Resistance (STR) - Analyse Das Konzept der Unterstützung des Widerstands (Support to Resistance, STR) umfasst die synchronisierte Planung und Ausführung einer Reihe v on Aktivitäten, die eine enge Zusammenarbeit zwischen Abteilungen und Behörden der US -Regierung erfordern, z.B. zwischen dem Verteidigungsministerium, dem Außenministerium oder der Central Intelligence Agency (CIA) , wobei es im Laufe der Operation zu einer Verlagerung der Führungsverantwortung kommen kann. 13. Dies kann die Verwendung von Spezialoperationen und Spezialkräften einschließen. 9 Searle 2017 10 Searle 2017, S.11 11 Searle 2017, S.12 12 Searle 2017, S.23 13 Irwin 2019 --- Page 9 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 9 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach STR kann als Instrument der Störung, des Zwangs und zur Ermöglichung eines Regimewechsels dienen und kann während eines Krieges oder in Friedenszeiten durchgeführt werden. Will Irwin führte für die JSOU eine große Studie über STR -Operationen der letzten Jahrzehnte durch und analysierte systematisch die Operationsergebnisse 14: In rund 60 Prozent der untersuchten Fälle war d ie STR in Kriegszeiten erfolgreich, in Friedenszeiten jedoch nur etwa ein Drittel. Fast die Hälfte der gescheiterten Operationen wurde durch Sicherheitsverletzungen verursacht, d. h. der Gegner wurde zu früh auf die Pläne aufmerksam. Die Unterstützung des gewaltfreien zivilen Widerstandes scheint eher erfolgreich zu sein als die Unterstützung des bewaffneten Widerstandes, was erklärt, warum die Erfahrung der STR nun gelegentlich für gewaltfreie Aktivitäten zur Erreichung von Regimewechseln genutzt werden soll. 2.3.4 Gewaltloser Widerstand Das Zentrum für angewandtes gewaltfreies Handeln und Strategien ( Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies CANVAS) Canvas ist eine gemeinnützige, nichtstaatliche Bildungseinrichtung, die 2004 von ehemaligen Mitgliedern von Otpor gegründet wurde. Im Gegensatz zum obigen STR-Konzept liegt der Fokus von Canvas auf nicht-staatlichem (zivilem) und gewaltfreiem Widerstand. Die Lehren beruhen den Erfahrungen von Otpor, aber auch dem demokratiefördernden Albert-Einstein-Institut, das unter anderem ein Buch über gewaltfreien Widerstand veröffentlichte15. 2007 veröffentlichte Canvas sein Kerncurriculum: A Guide To Effective Nonvi olent Struggle und bietet auch Workshops und Schulungen an. Canvas war mittlerweile in vielen Ländern der Welt bereits aktiv. Das Konzept argumentiert, dass die Macht von Regimes auf sog. pillars of support (Säulen der Unterstützung) ruht, d.h. Polizei, Ar mee, Eliten usw., die die gegenwärtige Struktur unterstützen und aufrechterhalten. Gewalt gegen diese Säulen ist kontraproduktiv: wenn die Menschen angegriffen werden, tendieren sie dazu, sich zu vereinen, um das Regime zu verteidigen, und die Säulen werden stabilisiert. Stattdessen müssen die Säulen erodiert werden, indem die Proteste gewaltfrei und freundlich sind (die Regimeunterstützer herausholen statt sie hineinzudrängen), indem gute Absichten gezeigt werden (z. B. Blumen für Polizisten, anstatt sie zu schlagen). Die Oppositionsbewegung muss die Prinzipien der Einheit, der Planung und der gewaltfreien Disziplin zusammen mit einer gemeinsamen Vision und einer umfassenden Strategie einhalten. Dies umfasst Kommunikationsstrategien und eine langfristige Planung, die z.B. zu den sogenannten Farbenrevolutionen führen: Hier sind Aktivisten plötzlich auf zentralen symbolischen Stellen des Zielstaates präsent, tragen gemeinsame Farben und/oder verwenden gemeinsame Symbole, um ihre Einigkeit zu zeigen und sie verstärken ihre Botschaft über Internet, Social Media und Journalisten . Die Aktivisten versuchen, friedlich und diszipliniert zu handeln, wenn sie mit Sicherheitskräften konfrontiert werden. 14 Irwin 2019 15 Sharp 2005 --- Page 10 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 10 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Während Canvas sich selbst als friedlicher Demokratieförderer sieht, haben potenzielle Zielstaaten es beschuldigt, Revolutionsexporteure zu sein. Gegenstrategien zielen darauf ab, die Dynamik der Revolution zu brechen, indem sie versuchen, die Proteste in gewaltsame Konflikte umzuwandeln, die Aktivisten zu zerstreuen, um ihre Sichtbarkeit an symbolischen Orten zu vermeiden, oder durch Gespräche und Verhandlungen, bei denen stets die Gefahr einer Spaltung der Opposition oder bei langwierigen Diskussionen der Erschöpfung besteht. Die obige STR-Studie hat gezeigt, dass Sic herheitsverletzungen der wichtigste Grund für das Scheitern sind, d. h. wenn die Nachrichtendienste des Zielregimes zu früh auf die Aktivitäten aufmerksam werden. Da die potenziellen Zielstaaten auch aus den Ereignissen lernen, ist der Effekt der Canvas-Strategie möglicherweise in Zukunft fraglich. Aus diesem Grund schlagen einige Autoren vor, aus dem STR -Konzept zu lernen, wie man Gewalt durch Schulungen widersteht, um Tränengasangriffen auszuweichen, sich bei direkten Angriffen zu zerstreuen und wieder zusammenzufügen usw. 2.4 Militärische Aspekte Seit die Atomwaffen in den 1940er Jahren entwickelt wurden, wird es immer schwieriger, einen direkten offenen Krieg zwischen Großmächten zu führen, ohne dass die Gefahr einer vollständigen Zerstörung besteht. Das folgende Kapitel wird jedoch zeigen, dass es in Wirklichkeit auch immer schwieriger wird, einen großen konventionellen Krieg zu führen, was die politische Kriegsführung zu einer immer relevanteren strategischen Option macht. In den letzten Jahrzehnten sind groß angelegte und viel besprochene Geostrategien entwickelt worden, insbesondere das Grand Chessboard (Große Schachbrett) von Zbigniew Brzezinski von 1997 und das Update Strategic Vision von 2012, in dem er Empfehlungen gab , wie die USA regional adaptiert ihre führende Position sichern können16. Jedoch gingen sowohl die Befürworter als auch die Gegner dieser Konzepte von der Tatsache aus, dass die USA als führende Wirtschafts - und Militärmacht weiterhin imstande sein werden, die globale Weltordnung maßgeblich mitzugestalten. 2017 hat jedoch das Pentagon, genauer gesagt, das Strategic Studies Institute (SSI) des U.S. Army War College , eine Studie aufgelegt, die von dem sog. Post Primacy -Szenario ausgeht 17, in dem die USA zwar immer noch die größte Wirtschafts - und Militärmacht sind, sie jedoch aufgrund der stärker werdenden Konkurrenten wie China nicht mehr imstande sind, die globale Weltordnung maßgeblich zu gestalten, so dass Geostrategie nun neu in einer instabilen, multipolaren und nicht mehr unbedingt von westlichen Werten dominierten Welt gedacht werden muss. 16 Brzezinski 1997 und 2012 17 Lovelace 2017 schreibt im Vorwort: “The U.S. Department of Defense (DoD) faces persistent fundamental change in its strategic and operating environments. This report suggests this reality is the product of the United States entering or being in the midst of a new, more competitive, post -U.S. primacy environment. Post-primacy conditions promise far -reaching impacts on U.S. national security and defense strategy. Consequently, there is an urgent requirement for DoD to examine and adapt how it develops strategy and describes, identifies, assesses, and communicates corporate-level risk” --- Page 11 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 11 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Eine Analyse australischer Militärfachleute zu den Fähigkeiten der USA hat gezeigt,18 dass die Fähigkeit der USA zur Durchsetzung der liberalen Ordnung zurückgegangen ist, da die USA und ihre Verbündeten 1995 noch 80% der weltweiten Verteidigungsausgaben abdeckten, aber mittlerweile nur noch 52%.19 Die militärische Ausrüstung ist überlastet und überaltert und mit zunehmenden Unfällen behaftet, was au f nahezu andauernde Kämpfe im Nahen und Mittleren Osten sowie auf instabile Finanzplanungen aufgrund von Schuldenkrise und Parlamentsstreitigkeiten sowie auf Trainingskürzungen zurückzuführen sind 20. Es gibt ein wachsendes Missverhältnis zwischen Strategie und Ressourcen. Die Schlussfolgerung ist, dass dies (eigene Übersetzung, danach Originaltext): „…harte strategische Entscheidungen erfordert, die die Vereinigten Staaten möglicherweise nicht treffen wollen oder können. In einer Zeit knapper Budgets und mu ltiplizierender geopolitischer Brennpunkte bedeutet die Priorisierung des Großmachtwettbewerbs mit China, dass die amerikanischen Streitkräfte anderweitige globale Aufgaben reduzieren müssen. Eine wachsende Anzahl von Verteidigungsplanern versteht die Notwendigkeit eines Kompromisses. Aber die politischen Führer und ein Großteil des außenpolitischen Establishments sind nach wie vor einem Supermacht-Danken verhaftet, das Amerikas Rolle in der Welt in der Verteidigung einer expansiven liberalen Ordnung sieht.“ [Original]“…requires hard strategic choices which the United States may be unwilling or unable to make. In an era of constrained budgets and multiplying geopolitical flashpoints, prioritizing great power competition with China means America’s armed forces must scale back other global responsibilities. A growing number of defense planners understand this trade-off. But political leaders and much of the foreign policy establishment remain wedded to a superpower mindset that regards America’s role in the world as defending an expansive liberal order.” 21 ‘Kompromiss‘ bedeutet hier, die Belastung beim Umgang mit mehreren sekundären Prioritäten zu verringern, um das primäre Ziel zu erreichen. Die Schlussfolgerung deutet darauf hin, dass die Verteidigung d er liberalen Weltordnung möglicherweise verringert werden muss. Die bereits von Präsident Obama durchgeführte strategische Schwerpunktverschiebung zu r Pazifikregion ( Pacific Turn oder Pacific Pivot) weist darauf hin, dass Europa aus regionaler Sicht ebenfalls eine untergeordnete Priorität darstellt (was Europa immer noch nicht ganz begriffen hat). Eine fortschreitende Auflösung der liberalen Weltordnung und regelbasierter Institutionen ist wahrschei nlich, was die politischen Kriegshandlungen weiter verstärken wird. 2.5 Soft Power 2.5.1 Konzept und Probleme Nye22 führte in den späten 1980er Jahren das Konzept der Soft Power ein, bei der Wahrnehmung und Überzeugung anstelle von Zwang und Geld zum Einsatz kommen, wie 18 United States Studies Centre 2019 19 United States Studies Centre 2019, S.11 20 United States Studies Centre 2019, z.B. unter anderem auf S.47-48 21 United States Studies Centre 2019, S.9 22 Nye 1990 --- Page 12 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 12 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach dies durch Hard-Power-Ansätze nahegelegt wird. Wichtige Elemente der Soft Power eines Staates sind die Kultur (als attraktiv für andere), politische Werte und Außenpolitik (als legitim und moralisch). Die Vereinigten Staaten haben ihre Soft Power recht erfolgreich eingesetzt. Dieser Ansatz wurde als " Telling America's Story 23" bezeichnet und präsentierte die Tugenden und Vorzüge der Vereinigten Staaten. Populäre Erzählungen umfassen z.B. den American Dream und den American Way of Life. Bei Soft Power geht es jedoch nicht nur um Inhalte, sondern auch um Kommunikation. In den 1990er Jahren waren westliche Medien weltweit führend, was den Einsatz von Soft Power wesentlich effektiver machte24. Aber seitdem haben sich die Dinge erheblich verändert . Andere große Akteure erzählen jetzt ihre eigene Geschichte, z.B . China betont, dass es ein aufstrebendes Land ist, das lange Zeit unter dem Druck der Kolonialmächte stand und damit der richtige und sensible Partner und Vorbild für andere Länder mit kolonialer Vergangenheit wie in Afrika ist. Russland tritt als Verfechter traditioneller europäischer Werte wie Familie, Religion und Patriotismus auf, während westliche Gesellschaften als orientierungslos gelten. Zusätzlich zum Wettbewerb auf inhaltlicher Ebene sind jetzt nicht nur China und Russland mit ihren eigenen, sondern auch die Golfstaaten viel aktiver, d.h. es gibt jetzt auch viel mehr Wettbewerb auf der Kommunikationsebene. Der Kampf um die Kommunikationshoheit wird durch das Aufkommen des Interne ts mit gefälschten Nachrichten, Social Bots und Cyber-Trollen verschärft. Schließlich ist die Methodik auch ein Problem: Es wurden viele wissenschaftliche und professionelle Anstrengungen unternommen, um die politische Kommunikation smarter und perfekter zu machen, z.B. von PR-Agenturen, Spin Doctors etc. Dies funktioniert jedoch nicht mehr wie erwartet, da in den letzten Jahren ein neuer Typ von Politikern aufgetaucht ist, der die Wähler durch provokante und harte Äußerungen anzieht. Während die Gegner di es als schlechtes Benehmen wahrnehmen, nehmen die Unterstützer dies als Metakommunikation wahr: Solche Aussagen zeigen ihnen, dass die Person authentisch ist, nicht von versteckten Sponsoren abhängig ist, die smarte Perfektion bevorzugen würden, und sie liegen vielleicht manchmal falsch, sind aber stark, d.h. man bekommt tatsächlich, was man sieht. 2.5.2 Die NGO-Krise Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es einen deutlichen Anstieg von Nichtregierungsorganisationen (NRO bzw. gebräuchlicher Non-Governmental Organizations NGOs ), die in der Regel Repräsentanten des dritten Sektors (im Unterschied zu den anderen Sektoren Staat und Wirtschaft) sind, d.h. der Zivilgesellschaft, 23 Boot und Doran 2013 24 Die früher vorherrschende Dominanz westlicher Medien war z.B. Thema des Kinofilms James Bond – Tomorrow never dies (Der Morgen stirbt nie) von 1997 --- Page 13 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 13 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach und die auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene agieren. In diesem Jahrzehnt geraten NGOs, ihre Finanzierung und die Stiftungen, die sie unterstützen, aus folgenden Gründen zunehmend in die Mühlen der politischen Kriegsführung:  Viele südliche Entwicklungsländer sind besorgt, dass NGOs in der Regel nur selektiv ihre Ziele verfolgen, was zu Insellösungen führen und nicht wirklich zur Gesamtentwicklung beitragen kann. NGOs mischen sich zudem zuweilen in die lokale Politik ein 25. Die Zielländer würden es vorziehen, wenn die sich die Aktivitäten der NGO mehr in den allgemeinen E ntwicklungsrahmen der Staaten einfügen und immer mehr Staaten erlassen Gesetze, die NGO policies, zur Kontrolle und Verwaltung von Entwicklungshilfeorganisationen. Die NGOs wollen jedoch nicht Lückenfüller oder verlängerter Arm des jeweiligen Staates sein.  Einige osteuropäische Staaten äußern Besorgnis darüber, dass NGOs, die die Beteiligung der Zivilgesellschaft fördern, in Wirklichkeit Regimewechsel fördern, während einige westliche Staaten besorgt sind, dass die Finanzierung muslimischer Organisationen die Islamisierung und den Islamismus fördern könnte. Es kann nicht in Kürze analysiert werden, ob und in welchen Fällen diese Bedenken berechtigt sind oder nicht, aber es gibt einen eindeutigen globalen Trend, die Aufsicht und Kontrolle über Stiftungen, Finanzmittel und NGO zu verschärfen. 25 Einige Autoren diskutierten seit 2001, ob es eine responsibility to protect (R2P), d.h. das Recht und die Pflicht zu einer ausländischen Intervention, wenn die lokale Regierung nicht in der Lage oder bereit ist, ihre Leute in kritischen Situationen zu schützen. Einige Autoren argumentieren, dass ein solches Konzept nicht vom Völkerrecht erfasst wird, während andere der Ansicht sind, dass dieser Ansatz die militärischen und politischen Fähigkeiten der demokratischen Staaten überfordern könnte, so dass er theoretisch blieb. --- Page 14 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 14 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach 3. Politische Kriegsführung: Fallstudien 3.1 USA-China 3.1.1 Die militärische Lage Die USA und die westlichen Verbündeten kontrollieren große Teile des Pazifiks, weil die USA viele kleine Inseln im Pazifik besitzen und mit vielen der kleinen Pazifikstaaten Bündnisse abgeschlossen haben. China sieht sich mit einem davor liegenden Riegel aus Verbündeten der USA, nämlich Japan, Südkorea, Taiwan und den Philippinen konfrontiert (Vierecke auf der Karte). Nicht zu vergess en ist, dass die USA auf dem Lande mit den Truppen in Afghanistan noch zwischen Russland und China präsent ist. • Kreise: Mitgliedsstaaten und Beobachter der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit SOZ • Vierecke: Verbündete der USA mit Militärpräsenz • Kreuze: Verbündete Chinas bzw. chinesische Häfen um Indien (Perlenkette; String of Pearls) Straße von Malakka Diego Garcia --- Page 15 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 15 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach • Gestrichelte Linie: Sogenannte First Sea Line (First Island Chain), bis Taiwan praktisch identisch mit den Gebietsansprüchen auf das Südchinesische Meer (Neun-Striche Linie), bereits beherrschte oder angestrebte Kontrollzone • Durchgezogene Linie mit Pfeil: Second Sea Line (Second Island Chain), bis zu der der US -Einfluss schrittweise zurückgedrängt werden soll • Pfeil nach Russland/Asien: Stoßrichtung Chinas zur Errichtung einer neuen Seidenstraße bis nach Europa. Daneben gibt es noch Handelsrouten durch Burma/Myanmar und Pakistan • Straße von Malakka: größter Engpass und Verwundbarkeit des chinesischen Seehandels. • Diego Garcia: Britisch-amerikanische Militärbasis im Zentrum des indischen Ozeans. Source: vom Autor aus: Moderne Geostrategie 2017 Chinas militärische Prioritäten sind: 1. Die USA von den Grenzen Chinas und den anfälligen Seehandelsrouten zurückzudrängen, indem versucht wird, den eigenen Einfluss von der Ersten Seelinie (First Sea Line/First Island Chain ) zur Zweiten Seelinie zu erweitern. Dies geschieht durch Militärstützpu nkte an der Küste, gefolgt von künstlichen Inseln und der Bereitschaft verschiedener Arten von ballistischen Raketen, insbesondere des Typs Dongfeng (DF), zu denen auch spezielle Antischiffsraketen gehören. 2. Die US-Macht zu verwässern und zu überbeansp ruchen, indem die Präsenz und militärische Aktivitäten außerhalb Asiens wie die Militärbasis in Dschibuti und die erweiterten U-Boot-Aktivitäten bis in die Arktis ausgedehnt werden. China hat sich zu einem arktischen Anliegerstaat erklärt, was bedeutet, da ss es berechtigte Bedenken in diesem Bereich geltend macht. Politische Kriegsführung wird insbesondere eingesetzt, um die Dominanz der USA, Australiens und anderer westlicher Staaten im pazifischen Raum (Ozeanien) zu untergraben. Der territoriale Ansatz ist folgender:  Die sogenannte First Sea Line (First Island Chain), bis Taiwan praktisch identisch mit den Gebietsansprüchen auf das Südchinesische Meer ( Neun-Striche Linie ), entspricht der bereits beherrschten oder angestrebten Kontrollzone. Mit Japan wird um die Senkaku-Inseln (chinesisch Diaoyu) gestritten. Eine Übernahme der Senkaku/Daioyu-Inseln durch China würde die geographische Barriere der US - Verbündeten zwischen Taiwan und Japan durchbrechen. Ebenso hat China seine Luftverteidigungszonen ausgeweitet. China versucht die Kontrolle über das Gebiet auf vielfältige Weise zu sichern, zum einen durch Aufschüttung künstlicher Inseln mit Militärpräsenz, zum anderen strebt es bilaterale Vereinbarungen mit den Nachbarstaaten zur Klärung territorialer Ansprüche an.  Die Second Sea Line (Second Island Chain) von Japan bis Guam ist die Grenze, bis zu der der US-Einfluss schrittweise zurückgedrängt werden soll. Die zunehmende Beanspruchung der US -Marine durch die chinesischen Aktivitäten ist einer der Gründe für den verstärkten Fokus auf den pazifischen Raum seitens der USA, auch als Pacific Turn oder Pacific Pivot bekannt.  China versucht, den Seestreifen rund um seine Küsten ( Südchinesisches Meer) zu kontrollieren und den Einfluss auf den auf der anderen Seite gelegen en indischen Ozean auszudehnen. Dies betrifft insbesondere die Spratley -Inseln. Die Spratley - Inseln liegen im mutmaßlich öl- und rohstoffreichen Südchinesischen Meer, auf das --- Page 16 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 16 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach China umfangreiche territoriale Ansprüche erhebt, die sich mit denen der Nachbarstaaten überlappen. Dies gilt auch für die nahe gelegenen Paracel-Inseln. 3.1.2 Expansion der Infrastruktur und der Wirtschaft  Angesichts der Einkreisung durch Konkurrenten pflegt China seine Beziehungen mit Burma (Myanmar) sorgfältig und baut intensiv an der Infrastruktur in Burma mit, die sich auch als zukünftiger Handelsweg nach Südasien eignen wird. Burma ist eine erste ‚Perle’ in der so genannten Perlenkette (String of Pearls) Chinas, die es um Indien herumlegt, um sich strategisch und handelspolitisch gut zu positionieren. Das Ziel Chinas ist es, Handelsstationen und Häfen in ganz Asien zu errichten. Dabei bilden aber Myanmar und Pakistan auch wichtige Landverbindungen für chinesische Waren. Die Perlenkette umfasst ebenfalls einen Hafen in Bangla Desh. In Chittagong handelt es sich um einen Containerhafen, im burmesischen Sittwe um einen Tiefseehafen und eine Basis im pakistanischen Gwadar. In Sri Lanka baut China den Hafen von Hambantota aus  Die Idee ist, die Handelswege auf dem Land und der See weiter auszubauen, man spricht von der Neuen Seidenstraße (New Silk Road) , die bis nach Westeuropa reichen soll, die Seeverbindungen sollen über Ostafrika, wo China in Djibouti 2017 eine Militärbasis errichtet hat, und den Suezkanal ebenfalls bis nach Europa reichen. Die Versuche des Westens, die Kontrolle über die Straße von Malakka zu erhalten, und so ein wichtiges Nadelöhr von Asien in den indischen Ozean zu kontrollieren, sind bislang fehlgeschlagen.  Außerhalb der Seidenstraßeninitiative ist China mittlerweile der wichtigste Handelspartner vieler afrikanischer und lateinamerikanischer Staaten. Außerdem ist es einer der größten Infrastrukturanbieter in Entwicklungsländern mit Häfen, Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen, Krankenhäusern und Verwaltungsgebäuden. China g ibt zunehmend Entwicklungshilfe. Afrikas Internet basiert stark auf Smartphones, daher ist Chinas Rolle als einer der führenden Smartphone- und Computeranbieter ebenfalls relevant. 3.1.3 Politische Kriegsführung in Ozeanien Es ist allgemein bekannt, dass C hina und die USA auf verschiedenen Ebenen wie Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft usw. miteinander konkurrieren und dass China erhebliche Fortschritte erzielt hat, z.B. im Wettlauf um Supercomputer und künstliche Intelligenz. Es ist jedoch weniger bekannt, dass China laut US-amerikanischen Analysten eine Vielzahl erfolgreicher Strategien intensiv einsetzt, um seinen Einfluss in Ozeanien auszudehnen, um die Präsenz der USA und den Einfluss der USA und des Westens zu untergraben. Ein Rückzug der USA aus jeder Position würde die Front um Tausende von Kilometern verlängern, was die ohnehin bereits bestehende Überdehnung erheblich verschlimmern würde. Ziele und Taktiken sind:  Papua-Neuguinea: China bot 2019 an, die gesamten Staatsschulden zu übernehmen, wodurch es finanziell von China abhängig würde. Unter australischem Druck zögert Papua-Neuguinea, dieses Abkommen zu unterzeichnen. --- Page 17 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 17 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach  Vanuatu: China hat einen großen Hafen gebaut, in dem große Touristenschiffe anhalten können, aber auch ein Militärschiff aus China hat diesen Hafen besucht26.  Nördliche Marianen:27 Massives Engagement in Kasinos auf der Insel Saipan mit chinesischer Einwanderung und Infrastrukturinvestitionen, was zu einer verstärkten öffentlichen Unterstützung für China führt.  Föderierte Staaten von Mikronesien (FSM): ‚Besuchsdiplomatie‘ mit regelmäßigen Besuchen und Einladungen auf hoher Ebene, Stipendien für Studenten, Infrastrukturinvestitionen, finanzielle Unterstützung, was zu einer verstärkten Unterstützung Chinas führt.  Palau: Tourismusoffensive mit massiver Hotelbaukampagne führte zu einer rasch wachsenden Bedeutung der wirtschaftlichen Aktivitäten Chinas  Seit Anfang der 2000er Jahre haben große Kredite chinesischer Banken auf den Cookinseln, Tonga, Fidschi und Vanuatu zu einer Schuldenabhängigkeit geführt28, Tonga ist offenbar nicht in der Lage, die Kredite zurück zu zahlen.  China ist nach Australien der zweitgrößte Geber von Entwicklungshilfe im Pazifik. Außerdem ist ein Oceania Silk Road Network im Aufbau.  Die Ak tivitäten werden von plattformübergreifenden Kommunikations - strategien mit kostenlosem Senden des internationalen Fernsehsenders der chinesischen Regierung, CGTV in englischer Sprache im gesamten Pazifik und von China Radio International (CRI) begleitet. Zusammenfassend umfasst Chinas Ozeanien -Strategie mehr politische Maßnahmen wie durchsetzungsfähige Diplomatie, intensive Medienkampagnen und offensives wirtschaftliches Handeln, während Russland in bestimmten Situationen eher zu strategischen Maßnahmen wi e der Ausübung von Druck durch die Stationierung von Militär und Paramilitärs tendiert29. 3.1.4 Handelskrieg oder politische Kriegsführung? Sowohl die USA als auch China sind wichtige Cyber -Mächte: China ist der wichtigste Produzent von physischer Elektron ik in Computern und Smartphones, selbst US -Firmen lagern ihre Produktion oft nach China aus. Das ist sinnvoll, da China der Haupteigentümer von computerrelevanten Metallen ist. Digitaltechnologien, wie Handys und Computers benötigen spezielle Industriemeta lle (Seltene Erden) wie Niob, Germanium, Indium, Palladium, Kobalt und Tantal . Eine Knappheit hätte erhebliche Auswirkungen, da diese Metalle bisher nicht hinreichend wirtschaftlich recycelt können, also die Verluste durch Recycling nicht ausgeglichen werden können. Chinas sehr großer Anteil an seltenen Erden, die für die IT-Industrie unersetzlich sind ist daher strategisch bedeutsam. Auf der anderen Seite dominieren die USA das Infrastrukturniveau der zentralen Server und der Tiefseekabel. In der physischen Welt ist das Internet immer noch an ein physisches Netzwerk mit einem signifikanten Zentralisierungsgrad gebunden. 26 Zoll 2018, S.5 27 Babbage 2019 28 Babbage 2019, S.28 29 Vgl. auch Babbage 2019, S.1 --- Page 18 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 18 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Das US -amerikanische Unternehmen Equinix steuert laut Firmenwebseite mit eigenen IXPs und Co -Location von Client -Computern in ihren Rechen zentren rund 90% (!) der Datenübertragung des Internets. China hat den Eindruck, dass die USA den Cyberspace dominieren, während die USA sich durch Chinas Handlungen im Cyberspace bedroht fühlen, wie der Huawei-Disput gezeigt hat. In wirtschaftlicher Hinsicht weist der Handel der USA mit China ein großes Handelsdefizit auf. Die Zollpolitik von Präsident Trump hat den Trend im Jahr 2018 nicht umgekehrt. Die Auslagerung der Cyber-Produktion nach China durch US-Firmen ist eine der strukturellen Probleme, die das Handelsdefizit stabilisieren. Befürworter der Globalisierung argumentieren auch, dass die Importe Chinas in die USA auch Vorteile für die USA haben, indem sie Durchschnittsverbrauchern billigere Produkte anbieten, die den Lebensstandard erhöhen. Ander erseits behaupteten die USA bereits in der Obama -Ära, dass die Handelsbeziehungen unfair wären, z. B. indem der Yuan -Wechselkurs gesenkt wird, was zu niedrigeren Exportpreisen führte. China argumentiert, dass es einer der größten Inhaber von US -Staatsanleihen ist, also der größte Kreditgeber der Vereinigten Staaten ist. Die USA argumentieren wiederum, dass China das US -amerikanische Technologie -Know-how und geistiges Eigentum stehlen würde, während China sich übe r über zogene US-Patentschutzregeln beschwert, die nur dazu dienen würden, die USA vor dem Wettbewerb zu schützen. Die Analysten sind sich jedoch nicht sicher, ob die Trump -Regierung wirklich fairere Handelsbedingungen anstrebt oder ob der wirtschaftliche Druck eine Maßnahme zur Eindämmung der chinesischen Macht ist, also einen Form der politischen Kriegsführung . In den 1980er Jahren motivierte Präsident Reagan die Sowjetunion, sich einem unnötigen, aber recht teuren Wettrüsten anzuschließen, obwohl die sow jetischen Alliierten bereits in den Jahren zuvor eine wirtschaftliche Über forderung bemerkten. Wie erwartet brach die Wirtschaft der Sowjetunion zusammen, damit das Imperium und schließlich der Staat selbst und der Kalte Krieg war plötzlich vorbei. Wenn Tr ump der Reagan-Strategie folgt, wäre die Idee des Handelskrieges, China in eine Krise zu stoßen. Da das Bankensystem Chinas durch seine Kreditvergabe bereits stark beansprucht ist, kann eine Verschlechterung des Handels z.B. den Zusammenbruch einer Schattenbank verursachen und anschließend das Bankensystem überlasten, was zu einer Finanzkrise wie in den USA 2008 führen würde. Während China dies überleben würde, würde es das Wachstum Chinas erheblich verzögern und verlangsamen und den USA einige zusätzliche Jahrzehnte als Führungsmacht geben. China kann sich Verzögerungen nicht leisten, da die Bevölkerung altert. Finanzielle Engpässe würden Chinas Optionen zur Ausweitung der Militärausgaben oder zur Modernisierung der Rüstung blockieren. 3.2 USA-Russland Russlands Konzept der politischen Kriegsführung hat  eine militärische Dimension, in der Russland in bestimmten Situationen eher zu strategischen Maßnahmen tendiert, beispielsweise zur Ausübung von Druck durch den Einsatz oder die Unterstützung starker paramilitärischer und militärischer Kräfte, insbesondere in den Frozen Conflicts, bei denen sich bewaffnete Konflikte durch russische Einwirkung abkühlen und zu einem „nicht erklärten Frieden“ --- Page 19 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 19 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach führen, der mit einer langsamen Transformation von Territorien in international nicht anerkannte De-facto-Staaten einhergeht  eine Cyber-/Informationsdimension mit einer weitgefassten Definition des Informationskrieges  während die hybride Kriegsführung im Ukraine-Konflikt eine moderne Kombination beider Dimensionen zu einem integrierten Ansatz darstellt. 3.2.1 Die militärische Dimension Aufgrund der erfolgreichen Erweiterung der NATO in der Nähe der Grenzen Russlands und der Probleme Russlands mit einer überalterten und übergroßen Armee nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte der Westen nicht mit der Geschwindigkeit de r Modernisierung und Revitalisierung der russischen Militärs gerechnet, jüngste Aktivitäten sind: Eine Besonderheit russischer Politik sind die Frozen Conflicts . Bei Konflikten im postsowjetischen Raum ist es den mit Russland verbündeten Kräften praktisch immer gelungen, einen neuen Status Quo mit faktischer Kontrolle auf Dauer zu etablieren. Dies sind Berg -Karabach (Aserbeidschan), Transnistrien (Moldau), Abchasien, Südossetien (beide Georgien), nun auch die Republiken Donezk und Luhansk (beide Ukraine). Die Annexion der Krim fiel konzeptionell aus dem Rahmen und wurde von Russland mit historischer Zugehörigkeit begründet, bildet aber nun auch den größten Konfliktpunkt mit dem Westen. Die NATO hat keines dieser Ereignisse rückgängig machen können. Das syr ische Engagement sichert Russland den Zugang zum Mittelmeer und seinen Einfluss im Nahen und Mittleren Osten. Hier konzentrierte sich Russland ursprünglich auf die Sicherheit seiner Militärbasis in Tartus, doch als es erkannte, dass die syrische Regierung zusammenbrechen könnte, was zum Verlust der Basis und anschließend zu einem Einstrom von Dschihadisten in die Kaukasusregion geführt hätte, wurde die Strategie massiv geändert in eine offene Intervention und Unterstützung der syrischen Armee, so dass Präsi dent Assad trotz erheblichen diplomatischen und wirtschaftlichen Drucks durch den Westen an der Macht bleiben konnte. In Venezuela, wo Russland wirtschaftlich engagiert ist, machte im Konflikt zwischen Maduro und Guaido, der von den USA und der EU unterstützt wird, 1russland die ersten militärischen Schritte im Jahr 2019, indem die venezolanische Luftverteidigung mit S-300- Systemen aufgerüstet und Cybersoldaten und Hubschrauber entsandt wurden als ein Versuch, die Handlungsfreiheit der USA, die Special Operation Forces in Kolumbien haben, zu begrenzen. Russland konnte seine militärischen Aktivitäten und seine Präsenz auch auf Afrika ausweiten, auch mit Unterstützung der Wagner-Gruppe, einer russischen privaten Militärfirma, die 2014 zum ersten Mal aufgetaucht ist und mehrere Tausend private militärische Angestellte beschäftigt, bei denen es sich typischerweise um ehemalige Soldaten handelt (genaue Zahlen unbekannt). Russland konnte eine größere Präsenz in der --- Page 20 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 20 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Zentralafrikanischen Republik aufbauen, und zumindest kleine Einheiten der Wagner- Gruppe sollen 2018 bereits in zehn afrikanischen Ländern vertreten sein.30 3.2.2 Informationskrieg Zwischen den USA und ihren Alliierten ist ein massiver Informationskrieg mit Russland im Gange. 2012 wurde ein Artikel veröffentlicht, der die offizielle russische Position darlegt und an eine Präsentation bei einer Sicherheitskonferenz in Berlin im November 2011 anknüpft31. Die Cyberwar-Definition beruht auf den Vereinbarungen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ)/Shanghai Cooperation Organization (SCO) von 2008, die eine weitgefasste Definition enthält: “Cyberspace warfare ist ein Wettstreit zwischen zwei oder mehreren Ländern im Informations - und anderen Sektoren, um die politischen, ökonomischen und sozialen Systeme des Gegners zu stören, sowie mit massenpsychologischen Mitteln die Bevölkerung so zu beeinflussen, dass die Gesellschaft destabilisiert wird und um den anderen Staat zu zwingen, Entscheidungen zu treffen, die dessen Gegner begünstigen.” 32 Diese Definition passt zu der Doktrin zur Informationssicherheit, die Präsident Putin im Jahr 2000 erließ und integriert Aspekte des Cyberwars im engeren Sinne, des Informationskrieges und der psychologischen Kriegsführung. Diese Definition ist also sehr viel breiter angelegt als zum Beispiel die US- Definition, die sich auf die militärischen Aspekte konzentriert. Konsequenterweise ist auch die Definition von Cyberwaffen breit angelegt: “ Cyberwaffen sind Informationstechnologien, -fähigkeiten und Methoden, die im Cyberspace warfare angewendet werden.” 33 Die Wahl der Definition ist sowohl von theoretischen Überlegungen als auch dur ch historische Erfahrungen beeinflusst. Der oben definierte Cyberspace warfare ist ein Teil modernen geostrategischen Handels34. Manchmal wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff “new generation warfare ” verwendet35. Die Kontrolle des Informationsflusse s und die Beeinflussung seiner Inhalte zur Unterstützung der eigenen Position sind nun auch Instrumente der soft power in internationalen Beziehungen 36. Fehlende Kontrolle kann auch zur Destabilisierung und Destruktion führen37. 30 Schmidt/Thielke 2019, S.3 31 vgl. Bazylev et al. 2012, S.10 32 Annex I to the Agreement between the Governments of the Member Countries of the Shanghai Cooperation Organization on Cooperation in International Information Securit y in Yekaterinburg in 2008, zitiert in Bazylev et al. 2012, S.11. Deutscher Text eigene Übersetzung, die amtliche englische Fassung lautet “Cyberspace warfare is a contest involving two or more countries in information and other environments to disrupt the opponent’s political, economic, and social systems, mass-scale psychological efforts to influence the population in a way to destabilize society and the state, and to force the opposing state to make decisions favoring the other opponent.” 33 Annex I, zitiert in Bazylev et al. 2012, S.11 34 vgl. Maliukevicius 2006, S.121 35 RAND 2018, p.xvii 36 vgl. Maliukevicius 2006, S.125ff. 37 vgl. Bazylev et al. 2012, S.12 --- Page 21 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 21 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach Auch die historische Erfahrun g wird eine Rolle spielen. Verschiedene Autoren vertreten die Auffassung, dass das Eindringen von Informationen vom Westen zum Kollaps der Sowjetunion und der sozialistischen Staatenwelt beigetragen hat38. Russland argumentiert auch, dass der Westen versuch t, die öffentliche Meinung durch koordinierte Pressekampagnen zu dominieren , d er Begriff dafür lautet Informationsindustrie. Eine Studie zeigte, dass die moderne russische politische Kriegsführung im Informationssektor insbesondere Desinformationskampagnen, die Kultivierung politischer Verbündeter in europäischen Demokratien und Cyberangriffe umfasst. In jedem Fall werden mehrere Schichten von Proxies (vorgelagerten Akteuren) verwendet, um die Vorgänge plausibel verleugnen und eine strategische Mehrdeutigk eit aufrecht erhalten zu können39. Die NATO und die EU sind besorgt darüber, dass Russland den politischen Prozess in den europäischen Ländern durch gefälschte Kommunikationen (fake news ) beeinflussen könnte. Insbesondere wurde eine Gruppe von sogenannten Cyber-Trollen in St. Petersburg verdächtigt, die westliche Diskussion zu beeinflussen. Seit 2014 analysiert das Nato Strategic Communication Center of Excellence, das kurz als StratCom bekannt ist, in Riga die russischen Aktivitäten und sammelt Beweise für die gezielte Freigabe von gefälschten Nachrichten und Cyber -Trolle40. Im Sommer 2017 wurde von der University of Oxford eine Studie über Computational Propaganda veröffentlicht. Ein Team von 12 Forschern bewertete die Situation in 9 Ländern 41. Die Autoren d efinieren die Computational Propaganda als den Einsatz von Algorithmen, Automatisierung und menschlicher Bearbeitung, um irreführende Informationen über soziale Mediennetze gezielt zu verteilen" [ „as the use of algorithms, automation, and human curation to purposefully distribute misleading information over social media networks“.] Derzeit sind Facebook und Twitter die wichtigsten Plattformen für diese Aktivitäten. Die EU hat eine Task Force gegründet, die fake news erkennen, sie korrigieren und auch eine positive Wahrnehmung der EU in den östlichen Staaten unterstützen sollte.42 Im Jahr 2018 zeigte das Mueller Indictment (Anklageschrift), dass die USA offenbar in der Lage waren, Computeraktivitäten von APT28/Fancy Bears-Mitgliedern in zwei Gebäuden des ru ssischen Militärgeheimdienstes GRU (jetzt GU) zu überwachen und zu protokollieren43. Die Industrial Control System (ICS) -fokussierte Gruppe Sandworm/Quedagh wird auch der GRU zugeordnet, die Waterbug/Turla/Ouroburos/Venomous Bear/Krypton Gruppe , dem FSB, wä hrend die 38 Zum Beispiel haben leitende Offiziere des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR den Zerfall des Sowjetsystems analysiert und kamen zu dem Schluss, dass der sog. Korb III der KSZE - Schlussakte von 1975 mit Themen wie Reisen, persönlichen Kontakten, Informations - und Meinungsaustausch zur Aushöhlung des sozialistischen Staatensystems beigetragen hat (vgl. Grimmer et al. 2003, S. I/101, auch S. I/189-I/190). 39 Polyakova und Boyer 2018 40 vgl. Wüllenkemper 2017, S.15 41 vgl. Woolley/Howard 2017 42 vgl. Stabenow 2017, S.3 43 vgl. Mueller 2018 --- Page 22 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 22 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach APT29/Cozy Bears dem FSB oder SWR zugeordnet wird, aber der niederländische Geheimdienst berichtete, die Cozy Bears-Mitglieder identifiziert zu haben44. Für die Smart Industry ist vor allem wichtig, dass Russland drei darauf spezialisierte APTs hat, nämlich Triton auf der Entwicklungsebene, Dragonfly für die Spionage und Sandworm für Angriffe (in der Ukraine). Es ist denkbar, dass alle drei APTs nur Teil eines umfassend angelegten Cyberproduktionsprozesses sind. Jedoch hat Sandworm hat bereits wiederholt seine Fähigkeiten zum Angriff auf Systeme in der Ukraine demonstriert , während Dragonfly hinter dem erfol greichen Eindringen in das Wolf Creek-Kernkraftwerk in den USA vermutet wird, was von US -Autoren als eine Cyber-Attacke hart am Rande des Krieges aufgefasst wurde . Triton ist ein Schadprogramm mit dem Potential der totalen Zerstörung der infizierten Produktionsanlage durch Manipulation von Sicherheitssystemen; für Details siehe Cyberwar -Grundlagen-Methoden-Beispiele im Kapitel 5.2. Die NATO diskutier t die hybride Kriegsführung (hybrid warfare) als neue Herausforderung. In dieser wird physische Gewalt durch Spezialkräfte und durch unter anderer Flagge operierende Kräfte in Verbindung mit umfassenden Cyberaktivitäten angewendet, d.h. Informationskrieg und psychologische Kriegsführung über das Internet und Social Media einerseits und Cyberattacken auf der anderen Seite. 4. Abschließende Bemerkungen Dieses Paper hat die Theorie und Praxis der modernen politischen Kriegsführung und verwandte Konzepte gezeigt. Der Einsatz von Grauzonenmethoden nimmt weltweit zu, da es immer schwieriger wird, große Kriege zu führen, aber auch weniger effektiv ist, die Öffentlichkeit mit Soft Power-Ansätzen zu beeinflussen. Die Entscheidung zur politischen Kriegsführung ist eine politische und kein Automatismus, d.h. Politiker können an jedem Punkt eines Konflikts zu Verhandlungen, Vereinbarungen und Kooperationen zurückkehren, und sie sollten dies zumindest versuchen, da das Agieren in der Grauzone unbeabsichtigt in einen offenen Krieg führen kann. Eine fortschreitende Auflösung der liberalen Weltordnung und der regelbasierten Institutionen ist jedoch wahrscheinli ch, so dass die Aktivitäten der politischen Kriegsführung weiter zunehmen werden. 44 vgl. Paganini 2018 --- Page 23 --- Arbeitspapier_17Sep2019_Deutsch 23 apl. Prof. Dr. Dr. K. Saalbach 5. Literatur 5.1 Literaturquellen Babbage, R. (2019): Winning without fighting – Chinese and Russian Political Warfare Campaigns and how the West can prevail. Volume II: Case Studies Center for Strategic and Budgetary Assessments CBSA 2019 Bazylev, S., Dylevsky, I., Komov, S., Petrunin, A. (2012): The Russian Armed Forces in the Information Environment: Rules, and Confidence-Building Measures, Military Thought no. 2, 2012, p.10-15 Boot, M. and Doran M. (2013): Policy Innovation Memorandum No. 33 Re: Political Warfare Date: June 7, 2013 Council on Foreign Relations (CFR) Brzezinski, Z. 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